Die häufigste Reaktion, die ich bekomme, wenn ich erzähle, daß ich Altenpflegerin bin, ist: "Das könnte ich nicht!" Früher habe ich selbst so reagiert. Unter "Altenpflege" verstand ich nur alte Menschen waschen, füttern, Windeln. Dunkle Gänge, überarbeitetes Personal, sedierte und/oder fest gebundene Menschen - grauenhafte Vorstellung. Das ist ja auch das Bild, das heutzutage von Altenpflege vor allem im stationären Bereich gezeichnet wird. Zu wenig Personal, das zu wenig Geld verdient und hilflose Bewohner. Jetzt arbeite ich in diesem Beruf, nachdem ich ursprünglich mal Rechtsanwaltsfachangestellte gelernt hatte, als Verkäuferin in verschiedenen Bereichen und als CallCenterAgent gearbeitet habe. In keinen dieser Berufe möchte ich zurück, obwohl ich Alle gerne ausgeübt hatte. Ich habe meinen Traumberuf gefunden. Als Altenpflegerin bin ich schießlich Alles in Einem: ich bin Pflegerin, Modeberaterin, Friseuse, Seelsorgerin, Freundin, Mutter, Tochter, Geslschaftsdame, repariere Uhren und Fernseher, vertreibe ungebetene Gäste u.v.m. Außerdem wird - so glaube ich - nirgends so viel gelacht wie in Pflegeeinrichtungen. ("Ach, Elfriede, mir geht es so schlecht - jetzt habe ich gar keine Füße mehr." "Und wie laufen Sie dann?")
Ah ja: Pflegeeinrichtung... das kommt noch erschwerend dazu. Ich arbeite nicht im ambulanten Dienst und schon gar nicht in einer dieser neuen Wohnformen wie z.B. einer Dementen-WG - nein, ich arbeite in einem Pflegeheim! Eine dieser ach so grauenvollen Einrichtungen, in denen nie die Sonne scheint und wo von vornherein schon klar ist, daß das Leben nun vorbei ist. Hand aufs Herz: wer möchte schon in ein Pflegeheim ziehen? Will nicht Jeder in seinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben und ist das nicht auch besser für Jeden? Ich habe viele Menschen ins Altenheim ziehen sehen und ja, sie waren nie sehr glücklich darüber. Aber andererseits habe ich bisher Keinen erlebt, der sich nicht nach einiger Zeit eingelebt hätte. Manche brauchen vier Wochen, andere ein halbes Jahr, aber im Laufe der Zeit erlebt jeder Bewohner auch die Vorteile eines Heimes und baut seine Vorurteile ab. Wir leben in einer Zeit, in der das System "Pflegeheim" permanent schlecht geredet wird. Zunächst wird mehr Wert darauf gelegt, die pflegebedürftigen Menschen zuhause zu versorgen. Das ist natürlich nicht falsch. Nur gibt es viele alte Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen können, die entweder auch keine Angehörigen haben oder dessen Angehörige weit weg wohnen. Im ambulanten Dienst sah ich viele Patienten, die den ganzen Tag alleine waren. Nur der Pflegedienst kam morgens für ein paar Minuten um die Kompressionsstrümpfe anzuziehen und abends um sie wieder auszuziehen. Mittags kam die Hauswirtschaft für eine halbe Stunde und ansonsten blieb nur der Fernseher als Gesellschaft. Im Heim ist immer was geboten, ob nun basteln, singen, kochen, Gymnastik o.ä., man kann sich jeder Gruppe anschließen und mitmachen oder auch nur zusehen und - hören. Oder man bleibt für sich, man hat die Wahl.
Manche Bewohner gehen auch darin auf, Mitbewohner, die hilfebedürftiger sind, zu unterstützen. Ihnen Getränke einzuschenken, das Fleisch zu schneiden o.ä. Es bilden sich Freundschaften - und auch Feindschaften. Mitunter treffen sich alte Schulfreunde wieder.
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