Freitag, 13. Januar 2017

Praktikum

Also ging ich mit der festen Vorstellung zu meinem ersten Tag des Praktikums, diesen Beruf sowieso nie ergreifen zu wollen und zu können.
In der Umkleide traf ich sogleich auf eine Kollegin der Station, auf der ich in dieser Woche arbeiten sollte. Die Kollegin war korpulent, jung, hatte lange, dicke rote Haare und war unwahrscheinlich positiv und gut gelaunt. Wir verstanden uns auf Anhieb. Als wir auf die Station kamen, trafen wir eine Auszubildende, die eine Bewohnerin am Rollator in den Speisesaal brachten. Auf gleicher Höhe mit uns angekommen, stoppte die Bewohnerin, sah mich lächelnd an und begrüßte mich mit wie eine alte, lang verschollende Bekannte mit einem begeisterten: "Hallo!" Sämtliche Vorurteile, sämtliche Schranken, die ich aufgebaut hatte, schmolzen dahin. Ja, ich wollte hier arbeiten... Diese alte, rundliche Frau mit den weissen Haaren, den hellblauen Augen und dem strahlenden Lächeln eroberte mein Herz in 0,3 Sekunden. Auch im weiteren Verlauf des Praktikums und später der Ausbildung pflegten wir ein besonderes Verhältnis zueinander. Denn Fr. J. litt an einem fortgeschrittenen Stadium der Demenz. Kurze Strecken konnte sie noch am Rollator laufen, ihre Sprache war verwaschen wie die eines Kleinkindes und konnte nur nach einigem "Reinhören" verstanden werden, auf Fragen antwortete sie grundsätzlich mit "Ja" oder "Ja,ja", ohne tatsächlich zu verstehen, um was es eigentlich ging. Selbständig essen war ihr nicht immer möglich. Doch sie lächelte immer, wirkte ausgeglichen und freute sich über Jeden, der das Wort an sie richtete, oder ihr auch nur im Vorbeigehen kurz den Arm oder die Schulter drückte.
Eines Tages wollte ich mit ihr in den Garten, ich setzte sie in den Rollstuhl, fuhr sie an den Fahrstuhl und drückte den Knopf. Während wir warteten, sah sie mich plötzlich an und sagte: " Aber sie müssen aufpassen!" Obwohl ich fast schockiert darüber war, daß ihre Sprache so klar war, bemühte ich mich, mir dies nicht anmerken zu lassen und fragte ruhig nach: "Warum muss ich denn aufpassen?" "Ich bin gefährlich!", antwortete sie. " Warum sind Sie gefährlich?" "Das hab ich vergessen." Nach diesem Ausspruch sah sie kurz zu Seite, als sie wieder nach vorne blickte, waren ihre Augen wieder mehr nach innen gerichtet und ihre Sprache verwaschen und kaum verständlich. Es war, als habe sich für einen kurzen Moment ein Schleier gehoben. Doch schien dies von ihr nicht willentlich gesteuert gewesen zu sein. Im Gespräch mit Kollegen erfuhr ich, dass es ab und an tatsächlich dazu kam, dass sie für kurze Augenblicke völlig klar war, diese Momente aber immer seltener würden und wohl von ihr nicht steuerbar seien.
Eines Sonntags kam ich zum Spätdienst. Fr J. saß im Rollstuhl und wurde von ihrer Tochter in die Cafeteria gefahren. Als sie mich sah, lächelte sie und streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff ihre Hand, begrüßte sie, doch meine Hand konnte ich aus ihrer Umklammerung nicht mehr lösen. Ihre Tochter kam um den Rollstuhl herum, um mir zu helfen, doch da beugte sich Fr. J. vor und fragte mich: "Wann kommen Sie denn mal wieder zu mir?" Ihre Tochter wich einen Schritt zurück, es entfuhr ihr ein "Man glaubt es ja nicht...", ich bemühte mich um Ruhe und antwortete: " Ich habe Spätdienst und komme heute Abend zu Ihnen." "Gut.", erwiderte sie, ließ meine Hand los, lehnte sich zurück und verfiel in ihr übliches Verhalten. Kopfschüttelnd und sichtlich getroffen schob ihre Tochter sie weiter Richtung Cafeteria. Ich blieb gerührt und erschüttert zugleich zurück. Es war ihr deutlich anzumerken gewesen, wieviel Mühe es sie gekostet hatte, mir diese Frage deutlich verständlich zu stellen. Sie konnte es also doch steuern! Wie geht das? Eine Fortbildung in Geronto-Psychatrie werde ich auf jeden Fall noch machen.
Fr. J verstarb im Dezember 2015. Sie hatte 15 Jahre in diesem Pflegeheim gelebt.

Donnerstag, 12. Januar 2017

Wie ich dazu kam

Nach der Schule begann ich eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellte. Nach erfolgreichem Abschluss arbeitete ich noch zwei Jahre in einer Kanzlei, doch auf Dauer war mir die Arbeit zu eintönig. Auch verstand ich mich mit einem der drei Anwälte, für die ich arbeitete, nicht. Also hörte ich ziemlich spontan dort auf - aber was sollte ich nun machen? Ich bewarb mich in einem CallCenter, nur für den Übergang, bis mir klar wäre, was ich machen wolle... Diese "Übergangsphase" dauerte fast fünf Jahre. Die Arbeit in einem Inbound-CallCenter gefiel mir überraschend gut. Nicht wegen der Arbeit als solcher, sondern wegen der vielen Kollegen, die Alle so vollkommen unterschiedlich waren und sich trotzdem verstanden. Da saßen pensionierte Lehrer, Gothics, Studenten, Hausfrauen, Punks, eher rechts gesinnte Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund... und Alle hatten Spaß miteinander... Doch nach fünf Jahren wurde das CallCenter geschlossen und in die Hauptstadt verlegt. Ich versuchte es dann in Outbound-CallCentern, doch der Verkauf am Telefon war nichts für mich.
So landete ich schließlich als Verkäuferin erst in einer Bäckerei, dann in einem Supermarkt und dann bei der Firma Nordsee. Auch dort machte mir die Arbeit Spaß, aber auf Dauer schien das nichts zu sein. Ich begann, im Internet nach Berufen mit Tieren zu schauen, Tierarzthelferin z.B. erschien mir auch als lohnender Beruf. Bei all meinen Recherchen stieß ich auf einen ganz anderen Bereich: Palliativmedizin. Aus irgendeinem Grund packte mich das. Die Arbeit mit Sterbenden, ja, das erschien wirklich sinnvoll. Doch für eine Arbeit im Hospiz benötigt man eine Ausbildung zur Krankenschwester - oder eben zur Altenpflegerin. Mir war sofort klar: Altenpflege kommt nicht in Betracht! Ich hatte ja nicht einmal zu meinen eigenen Großeltern ein gutes Verhältnis gehabt. Und außerdem hört man ja immer nur Schlechtes über Altenheime. Doch ich war zu dieser Zeit nunmal schon Mitte 30, da muß  man flexibel sein. Ich bewarb mich in Krankenhäusern und schließlich auch in Pflegeheimen. Von den Krankenhäusern bekam ich teilweise gar keine Antwort, die Altenpflege h eine hingegen meldeten sich binnen weniger Tage und luden mich zu Vorstellungsgesprächen ein.
Gleich in mein ersten Vorstellungsgespräch bot man mir einen Ausbildungsvertrag an, doch ich zögerte. Das Heim war groß, sechs Stationen mit je 26 Bewohnern. Das Gebäude war alt, die Gänge dunkel, nicht sehr einladend. Doch der Heimleiter war nett und sympathisch, es gab einen schönen Garten, eine Vogelvoliere, ein paar Kaninchen... Ich schlug vor, mich erst einmal eine Woche probearbeiten zu lassen. Darauf einigten wir uns. Für mich war klar: ich probieren das jetzt, werde feststellen, dass das nichts für mich ist und mich vermehrt um eine Ausbildung im Krankenhaus bemühen.


Mittwoch, 11. Januar 2017

Einleitung

Die häufigste Reaktion, die ich bekomme, wenn ich erzähle, daß ich Altenpflegerin bin, ist: "Das könnte ich nicht!" Früher habe ich selbst so reagiert. Unter "Altenpflege" verstand ich nur alte Menschen waschen, füttern, Windeln. Dunkle Gänge, überarbeitetes Personal, sedierte und/oder fest gebundene Menschen - grauenhafte Vorstellung. Das ist ja auch das Bild, das heutzutage von Altenpflege vor allem im stationären Bereich gezeichnet wird. Zu wenig Personal, das zu wenig Geld verdient und hilflose Bewohner. Jetzt arbeite ich in diesem Beruf, nachdem ich ursprünglich mal Rechtsanwaltsfachangestellte gelernt hatte, als Verkäuferin in verschiedenen Bereichen und als CallCenterAgent gearbeitet habe. In keinen dieser Berufe möchte ich zurück, obwohl ich Alle gerne ausgeübt hatte. Ich habe meinen Traumberuf gefunden. Als Altenpflegerin bin ich schießlich Alles in Einem: ich bin Pflegerin, Modeberaterin, Friseuse, Seelsorgerin, Freundin, Mutter, Tochter, Geslschaftsdame, repariere Uhren und Fernseher, vertreibe ungebetene Gäste u.v.m. Außerdem wird - so glaube ich - nirgends so viel gelacht wie in Pflegeeinrichtungen. ("Ach, Elfriede, mir geht es so schlecht - jetzt habe ich gar keine Füße mehr." "Und wie laufen Sie dann?")
Ah ja: Pflegeeinrichtung... das kommt noch erschwerend dazu. Ich arbeite nicht im ambulanten Dienst und schon gar nicht in einer dieser neuen Wohnformen wie z.B. einer Dementen-WG - nein, ich arbeite in einem Pflegeheim! Eine dieser ach so grauenvollen Einrichtungen, in denen nie die Sonne scheint und wo von vornherein schon klar ist, daß das Leben nun vorbei ist. Hand aufs Herz: wer möchte schon in ein Pflegeheim ziehen? Will nicht Jeder in seinen eigenen vier Wänden wohnen bleiben und ist das nicht auch besser für Jeden? Ich habe viele Menschen ins Altenheim ziehen sehen und ja, sie waren nie sehr glücklich darüber. Aber andererseits habe ich bisher Keinen erlebt, der sich nicht nach einiger Zeit eingelebt hätte. Manche brauchen vier Wochen, andere ein halbes Jahr, aber im Laufe der Zeit erlebt jeder Bewohner auch die Vorteile eines Heimes und baut seine Vorurteile ab. Wir leben in einer Zeit, in der das System "Pflegeheim" permanent schlecht geredet wird. Zunächst wird mehr Wert darauf gelegt, die pflegebedürftigen Menschen zuhause zu versorgen. Das ist natürlich nicht falsch. Nur gibt es viele alte Menschen, die ihre Wohnung nicht verlassen können, die entweder auch keine Angehörigen haben oder dessen Angehörige weit weg wohnen. Im ambulanten Dienst sah ich viele Patienten, die den ganzen Tag alleine waren. Nur der Pflegedienst kam morgens für ein paar Minuten um die Kompressionsstrümpfe anzuziehen und abends um sie wieder auszuziehen. Mittags kam die Hauswirtschaft für eine halbe Stunde und ansonsten blieb nur der Fernseher als Gesellschaft. Im Heim ist immer was geboten, ob nun basteln, singen, kochen, Gymnastik o.ä., man kann sich jeder Gruppe anschließen und mitmachen oder auch nur zusehen und - hören. Oder man bleibt für sich, man hat die Wahl.
Manche Bewohner gehen auch darin auf, Mitbewohner, die hilfebedürftiger sind, zu unterstützen. Ihnen Getränke einzuschenken, das Fleisch zu schneiden o.ä. Es bilden sich Freundschaften - und auch Feindschaften. Mitunter treffen sich alte Schulfreunde wieder.